Vergangenheit
Das Schicksal einer jeden Besatzung ist eng mit dem Auftrag und dem Ziel ihres Schiffes verbunden - besonders, wenn es sich um ein Kriegsschiff handelt, das in Kampfhandlungen verwickelt wird.
Aber auch im günstigsten Fall: Die "Graf Spee" und ihre Besatzung hätten ihren Heimathafen Wilhelmshaven erreicht, wie wäre es weiter gegangen? - der Krieg hatte erst gerade begonnen. Viele der jungen Besatzungsmitglieder wären zur U-Bootflotte versetzt worden, bzw. freiwillig gegangen. Zum einen, weil man Menschenmaterial brauchte, zum anderen, weil man Teil einer elitären Einheit wurde.
Von 40.000 U-Boot-Fahrern kamen bekanntlich über 30.000 nicht zurück - die Wahrscheinlichkeit zu überleben, wäre eher gering gewesen. Durch die Entscheidung, die Internierung zu wagen, hatte Langsdorff die Weichen, die die damalige Entwicklung für jedes Besatzungsmitglied vermutlich bereits gestellt hatte, im Prinzip von Grund auf korrigiert.
Das galt aber nicht für alle - viele der Geflüchteten überlebten in den weiteren Einsätzen den Krieg nicht.
Nach dem Krieg, zum Jahreswechsel 1947 / 1948, als die Alliierten die Rückkehr wieder erlaubten, kehrte eine beachtliche Anzahl ehemaliger Besatzungsmitglieder, nennen wir sie ab jetzt "Speefahrer", nach Südamerika zurück.
Die Speegemeinschaft in Uruguay
Im Bezug auf Uruguay war der Anteil der Rückkehrer gering. Nur drei Speefahrer, bekanntermaßen Hans Jahn, und weiter Herbert Pach und Heinz Heerlein mit ihren Ehefrauen – in beiden Fällen begegneten sie sich bereits in der Internierungszeit. Alle anderen konnten wie schon beschrieben im Land bleiben.
Zu den Personen der zukünftigen Spee Gemeinschaft zählten: Fritz Adolph, Kurt Gabriel, Helmuth Grunow, Rudolf Haag, Heinz Heerlein, Hans Jahn. Gottfried Link, Paul Lübeck Herbert Pach, Bruno Skibbe und Günter Trettin.
Später kam noch Rudi Dzierzawa dazu, er war in Bs.As. interniert und später in Sierra de la Ventana, wo er sich im Dezember 1945 absetzte und daher nicht rücktransportiert wurde - er siedelte sich später in Uruguay an.
Dagegen kehrten die Ehepaare Heerlein und Trettin später wieder nach Deutschland zurück.
Jedenfalls war es ein kleine Kameradschaft die sich regelmäßig traf. In der wärmeren Jahreszeit oft in den Sommerhäusern von Paul Lübeck und Bruno Skibbe - Letzterer spielte Akkordeon und unterhielt meistens die gesamte Gesellschaft mit seinen Liedern.
Die Speegemeinschaft in Argentinien
Im Bezug auf Argentinien waren es sicher deutlich über 200 Mann, genaue Zahlen liegen nicht vor, die nach Argentinien zurückgingen.
Sie kehrten überwiegend an die Orte zurück, wo sie einmal interniert waren und wo sie bereits in Familien integriert waren, mit einer Ausnahme: die Insel Martin Garcia – dort wollte sicher keiner wieder hin. Die Männer, die zusätzlich in der Internierung eine Anstellung hatten, konnten die Tätigkeit in der Regel wieder aufnehmen.
Wenig später gründeten sich in den unterschiedlichen Provinzen sogenannte Speekreise. Man traf sich regelmäßig und irgendwann wurde an öffentlichen zugänglichen Plätzen, nach Absprache mit der jeweiligen örtlichen Verwaltung, ein Areal mit einem Gedenkstein, Holzkreuz, o.ä. mit einer angebrachten Tafel gesetzt, die an die Vorgänge vom Dezember 1939 und den gefallenen Besatzungsmitgliedern der "Graf Spee" erinnerten.
Hier im Stadtzentrum konnte, im Unterschied zu den Speegemeinschaften in den verschiedenen Provinzen, auf Gedenksteine, etc. verzichtet werden, da das Grab des Kommandanten Langsdorff auf dem
"Deutschen Friedhof" praktisch vor der Haustür lag. Und im Mittelpunkt all dieses stand natürlich die obligate Kranzniederlegung am 20. Dezember eines jeden Jahres am Grab von
Langsdorff.
Es war immer ein stilles Gedenken und Dankbarkeit für einen Menschen dessen Standhaftigkeit, bei seiner Besatzung zu absolutem Zutrauen geführt und der jene vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.
Ein Ausspruch, der zeitlebens von den Speefahrer genannt, von vielen Familien übernommen wurde und daher bis heute lebendig ist: >> Er war, wie ein Vater für uns <<[…].

Auch in Buenos Aires wurde ein Speekreis gegründet. Anfangs nannte er sich "Circulo de Camaradas Graf Spee" - Buenos Aires -
Zuvor aber sollte über den Ausgangspunkt der Gründung berichtet werden. Es waren nämlich einige der zurückgebliebenen Ehefrauen der Speefahrer, die 1946 nach Deutschland zurücktransportiert worden waren. Ihr Ziel war es, dass ihre Ehemänner so schnell wie möglich wieder nach Argentinien zurückkommen könnten. Das grundsätzliche Problem war, dass die Alliierten in den Jahren 1946 bis Ende 1947 ehemaligen Wehrmachtsangehörigen keine Ausreisen mit Schiff aus Deutschland gestatteten. Der Weg führte über die bekannte Route, durch die Schweiz nach Italien und von dort weiter über die Hafenstadt Genua, mit dem Schiff nach Buenos Aires.
Die Handlungen dieser Ehefrauen waren, Bittgesuche an die argentinischen Behörden zu verfassen, Demos zu veranstalten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und auch ein Besuch bei dem damaligen Außenminister J. A. Bramuglia kam zustande.
Die Zusammenkünfte der Frauen fanden einmal im Monat statt, als Stätte diente das Lokal "Waldschenke" in Belgrano.
Als dann ab 1948 zügig die ersten Ehemänner wieder zurückgekehrt waren und an diesen Treffen auch teilnahmen, zogen sich die Ehefrauen zurück – ihr Ziel hatten sie erreicht. Die Speefahrer aber behielten diese Treffen bei, die weiter im monatlichen Rhythmus stattfanden. Eine zentrale Rolle spielte die Aufgabe, den neu angekommenen Speefahrer zu helfen eine Anstellung zu bekommen um sich eine Existenz aufbauen zu können zumal nicht alle, die in der Internierungszeit eine Anstellung hatten, diese wieder automatisch erhielten.
Konnte man diese Treffen bisher eher als ein lockeres Beisammensein betrachten, so entwickelten sich ab 1950 doch die ersten festen Bindungen und man nannte sich fortan "Circulo de Camaradas Graf Spee".
An dieser Stelle sei unbedingt zu erwähnen, dass die Speekameradschaften, sowohl in Argentinien und Uruguay als auch in Deutschland, nie Vereinscharakter hatten – also keine juristische Bedeutung. Die jeweiligen Leiter der Kreise als Sprecher waren "primus inter pares". Also von repräsentativem Charakter und nicht mehr.
Für diese Neuorientierung sorgte A. Jerichow, einst Ob.Wachmstr. auf der "Graf Spee" und später in der Internierungszeit im "Speebüro" tätig. Seine Ehefrau und die zwei Kinder erreichten Argentinien schon Weihnachten 1948; ob Jerichow selbst am Rücktransport teilnahm oder in Argentinien blieb, ist nicht bekannt.
Und es gab auch einen Ausweis in bordeauxrotem Leder, ausgefüllt mit Vor- und Nachname, er enthielt auch ein Passbild, einen Stempel und die Unterschrift des damaligen Leiters. Auch eine Anstecknadel gehörte dazu – Wappen mit Anker.
Zu erwähnen wäre noch, dass ab 1952 diese Gemeinschaft über eine Heckflagge der "Graf Spee" in Besitz war und die vom jeweiligen Leiter Jahrzehntelang treuhänderisch verwahrt wurde. Diese RK-Flagge befand sich, neben anderen Objekten, all die Jahre in der deutschen Botschaft. Dr. Terdenge, der erste Boschafter in Buenos Aires nach dem Krieg, übergab diese Rasenack als "ständige Leihgabe".
Am 03. April 1954 übernahm die Führung F.W. Rasenack, einst OLtzS. auf der "Graf Spee".
Warum Jerichow nur eine sehr kurze Zeit als Leiter diente, ist nicht bekannt. Lag es möglicherweise an dem Umgang miteinander, der auch nicht immer sehr freundlich war oder waren es gesundheitliche Gründe, jedenfalls bestand danach kein Kontakt mehr - er verstarb bereits im Jahr 1962.
Weiter, im Jahr 1959, konnte die Speegemeinschaft eine kleine Insel am Rio Espera im Tigre-Delta erwerben, dazu gehörte ein größeres Gebäude mit mehreren Räumen, das im Sommer an Wochenenden gerne von so manchen Speefahrer und den Familien als Naherholungsstätte genutzt wurde.
Rasenack war ja, wie die überwiegend anderen Offiziere, aus der Internierung im April 1940, mit Unterstützung der Deutschen Botschaft in Buenos Aires, nach Deutschland. Geflüchtet. Er kehrte aber, mangels jeglicher Perspektive, im Juli 1948 nach Argentinien zurück – seine Frau und die drei Kinder, erreichten Argentinien Weihnachten 1949.
Mit dem Führungswechsel wurde nun auch beschlossen, diese Marinekameradschaft in "Kameradenkreis Spee" umzubenennen. Die Treffen fanden weiter monatlich statt, als Ort diente nun das Restaurant "Bodensee" in Belgrano.
Weiter wurden im Lokal "Nino" in Olivos, für allgemeine Feiern oder Weihnachtsfeiern gewählt. Besonders anzumerken sei, dass die Treffen immer auch von "öffentlichem Charakter" waren, das heißt, dass sowohl Verwandte, Freunde, aber auch Argentinier, die nichts mit der Speebegebenheit zu tun hatten, außer dass sie sich interessiert zeigten, immer willkommen waren und so eine Akzeptanz für diese Treffen und der dahinter stehenden Geschichte geschaffen wurde.
Die Epoche der traditionellen Spee-Kameradschaft war zu Ende.
Das Jahr 2002 markierte allerdings eine Zeitenwende. Die Leitungsstrukturen änderten sich total und zum ersten Mal in der Tradition der "Spee-Kameradschaft" übernahm eine Person die Leitung, die mit der "Spee-Geschichte" nichts zu tun hatte. Sein Name: Dr. Carlos D`Anna. Sein Beruf: Jurist.
Wie auch immer, die Leitung übernahm nun eine Person, die bis dahin anfangs nur zu Gast auf den Treffen war.
Im Mitteilungsblatt "Spee-Info" war ein kurzer Beitrag vom Speefahrer Hans Eubel über den Wechsel zu lesen und welcher für eine kollektive Begeisterung sorgte …
Vier Jahre später war in der Spee-Info zu lesen, dass der neue Leiter dafür gesorgt hatte, dass im Jahr 2006 an der Grabstätte die Kreuze mit Bootslack gestrichen, die Buchstaben und Zahlen mit Silberfarbe nachgezogen und die Ketten der Umrandung schwarz lackiert wurden – auch jenes sorgte wiederum für viel Begeisterung.
Im Dezember 2011 wechselte die Leitung allerdings erneut und nur kurze Zeit später war in der Spee-Info der Satz zu lesen, der bestenfalls einer Fußnote gleichkam: >> Dr. D`Anna ist aus der "Bordkameradschaft des Panzerschiffes Admiral Graf Spee" ausgeschieden.<< Begründet wurde dieser Schritt damit, dass die Tätigkeit als Rechtsanwalt Dr. D`Anna nunmehr voll in Anspruch nimmt.
Nur zur informativen Abrundung: Der Mann war zu dem Zeitpunkt 70 Jahre alt und was ihn neuerdings so in Anspruch nahm, wurde nicht bekannt, wohl aber wurde kolportiert, dass er die Flagge, die der Speekameradschaft gehörte, mitgehen ließ.
Bemerkenswerterweise wurde über diese Tat nie formell berichtet, wohl aber wurde in der Speekameradschaft darüber gesprochen, denn meine Tanten erzählten das. Ob ein Versuch überhaupt unternommen wurde, ist fraglich. Jedenfalls tauchte die Flagge nie wieder auf – wie es wohl jetzt um die Begeisterung stand …
Der Nachfolger
Als Nachfolger bot sich nun der Sohn eines Speefahrer an. In der Hoffnung, wieder zur alten Tradition zurückzukehren, war die Entscheidung für ihn vorhersehbar.
Sein Name: Enrique Rodolfo Dick, um die 60 Jahre, ehemaliger Stabsoffizier im argentinischen Heer.
Kurze Zeit später konnte man in der Spee-Info in einem kurzen Beitrag, von ihm selbst verfasst, lesen, dass diese Entscheidung mit begeistertem Beifall aufgenommen wurde – "so der Sprecher über den Sprecher".
Der neue Sprecher, der möglicherweise als "Hoffnungsträger" betrachtet wurde, betrachtete die Speegemeinschaft offenbar eher als Plattform für seine eigenen Interessen – Buchvermarktung, Vorträge, etc. und aus der Sprecherrolle wurde zeitnah ein "Präsidentenamt" ...
Hinzu kamen die alljährlichen Gedenkveranstaltungen, die jetzt schrittweise wuchtiger wurden, einem Staatsakt ähnlich, akkurat geplant, bis hin zur Kleiderordnung.
Während in der Vergangenheit gelegentlich ein Militärattaché der Deutschen Botschaft anwesend war, wurde nun die Botschafter der britischen und deutschen Botschaft regelmäßig eingeladen – letzterer erschien aber nie und ließ sich, wenn möglich, vertreten.
Und natürlich wurden zunehmend handverlesenen Personen als Gäste geladen die weder mit dem „Graf Spee Ereignis“ im Allgemeinen noch mit der Marinekameradschaft im Besonderen jemals zu tun hatten.
Man könnte noch einige Kuriositäten hinzufügen, aber es wäre alles nur ein Spiegelbild der eigenen beständigen Überhöhung.
Urnen-Umsiedlung
Trotz vielfältigster Handlungen und Ereignisse, die diese vergangenen Jahre prägten, muss dieser folgende und hoffentlich letzte Akt besonders thematisiert werden.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Eubel der letzte Zeitzeuge war, ist im besten Falle höchstens ebenso groß wie ebendiese, dass er es nicht war.
Es stellen sich nun Fragen:
Genaueres auch unter Retrospektive - Merkmale der Grabstätte.
Die Speegemeinschaft in Deutschland
In Deutschland verlief für die Speefahrer das - Sich wiederfinden - natürlich anders, denn der Krieg hatte die persönlichen Lebensverhältnisse vieler erheblich durcheinandergebracht und das Auffinden gestaltete sich entsprechend schwierig – gerade im Hinblick auf das "geteilte Deutschland". Die Bemühungen, die zu den ersten Treffen ehemaliger Besatzungsmitglieder der "Graf Spee" führten und die daraus später hervorgegangene "Speegemeinschaft" wurde mal als Bericht zusammengefasst und ist in der Galerie abgebildet.
In den 80er Jahren unternahm der ehemalige Adjutant von Langsdorff und späterer KptzS. a.D. Diggins den Versuch, Besatzungsmitglieder der ehemaligen Fregatte "Graf Spee", von der schon oben berichtet wurde, in diese Speegemeinschaft einzugliedern. Einige blieben, andere nicht. Wie sich die Situation damals darstellte und wie er es beurteilte, ist seiner Rede, die er 1985 hielt, zu entnehmen, die auch in der Galerie abgebildet ist.
Den Berichten unten in der Galerie ist zu entnehmen, wie dieser Kreis entstand und auch, dass nicht immer nur alles in guter Eintracht verlief - dieser ambivalente Frieden blieb immer auch ein Wegbegleiter dieser Gemeinschaft. Die Treffen wurden auch in der Folgezeit immer jährlich abgehalten. Der "öffentliche Charakter", wie es die Gemeinschaften in Südamerika erfolgreich praktizierten, wurde hier offenbar nie in Erwägung gezogen – man blieb unter sich. Auch eine mögliche Vereinsstruktur, wie es in Deutschland erfahrungsgemäß üblich ist, blieb aus.
Gegenwart
Diese ist schnell erzählt - Jahrzehnte sind seitdem vergangen und die Speefahrer von einst haben sich alle auf ihre letzte Reise begeben. Die Speegemeinschaften, sowohl in Südamerika als auch in Deutschland, haben sich, wenn auch mit zeitlichen Abstand, nacheinander verabschiedet - sie existieren de facto nicht mehr.
Ob und welche Personen das jährliche Treffen im Dezember am Grab, zum Gedenken und zur Kranzniederlegung, weiterführen werden wird sich zeigen.
Zukunft
Wie wird diese sich ausnehmen … Weder vermeintliches Wissen noch Spekulationen führen weiter, aber die Faktenlage ist eindeutig, für die Spee-Gemeinschaften hat es sich nun erledigt.
Vielleicht ist es ja doch ein Glücksfall, dass rechtzeitig eine Internetdokumentation in die Welt gelangt ist, die an das Ereignis erinnert.
